Mario Adorf und der deutsche Rote

Mein schönstes Verkostungserlebnis

Wir schreiben das Jahr 2002 und sitzen in einem sonnigen Garten in Worms in aller Unbescheidenheit sei angemerkt, dass es sich um den meinigen handelt. Die Stadt am Rhein steht noch kopf wegen der gerade begonnenen neuen Nibelungen-Festspiele, und Mario Adorf spannt von seiner Rolle des grimmen Hagen aus. Gespeist hat er, wie so oft in seinen Wormser Tagen, im „Le Méditerrané“: Gutes aus der italienischen Küche mit einer Karaffe Weißwein aus Venetien. Auf dem runden Gartentisch aber steht an diesem Septembernachmittag deutscher Wein. Sechs Flaschen Roter, aus den besten Kellern der sechs klassischen deutschen Rotweingebiete. Ausgesucht hat sie Werner Näkel, unser Rotweinpionier von der Ahr, und die Idee zu dieser denkwürdigen Weinprobe hatte der Hauptsponsor der Festspiele, ein großer rheinisch-westfälischer Stromversorger.

Worms liegt im rheinhessischen Wonnegau, dieser uralten, mit den frühesten urkundlichen Ersterwähnungen ausgestatteten deutschen Weingegend, und da lag es einfach in der Luft, den großen Schauspieler, der ein ebenso großer Rotweinfreund ist, mit einer großangelegten Deutschweinprobe zu überrumpeln. Beziehungsweise, den erklärten Liebhaber feuriger, gehaltvoller und tiefdunkler Weine Südeuropas von den Fortschritten der Winzer aus der Pfalz und Rheinhessen, aus Baden und Württemberg, aus Franken und von der Ahr zu überzeugen.

Ja, lacht Adorf, das sei nicht der erste Versuch. Und dann erzählt er, zwischen dem fränkischen und dem badischen Spätburgunder, eine Anekdote. Es war im Jahr 1999, als ihm in Mainz der renommierte Deutsche Weinkulturpreis verliehen wurde. Das dort beheimatete Deutsche Weininstitut würdigte seine Fähig-keit, große Leistungen in Beruf und Kultur „mit Lebensfreude und Lust am Genuss“ zu vereinen. Der Mainzer Ministerpräsident Kurt Beck hielt die Preisrede und gab der Überzeugung Ausdruck, dass Mario Adorf „dieser Auszeichnung mehr als gerecht“ werde. Doch, oh weh!, der frischgebackene Preisträger machte aus seinem persönlichen Rotweingeschmack kein Hehl und ließ vor der Presse verlauten, dass er zwar viel vom deutschen Weißwein halte, dass man deutschen Rotwein aber eigentlich nicht trinken könne. Prompt lud Beck den Ketzer zu einer exklusiven Rotweinprobe in die Staatskanzlei ein. Am Ende konnten ihn ein Spitzenssommelier und deutsche Spitzenwinzer mit ausgesuchten Weinen und vereinten Kräften zwar nicht völlig um-, aber doch deutlich milder stimmen. Und der Ministerpräsident schickte Adorf gar noch eine Kiste in dessen südfranzösisches Urlaubsdomizil nach.
Die Pointe? Er habe dann, lächelt Adorf, die Weine dort aufgetischt. Aber nicht einer seiner französischen Freunde habe davon trinken wollen.

„Doch im Ernst“ – der Mime aus der Eifelstadt Mayen hebt das Glas mit dem tiefdunklen Dornfelder aus Rheinhessen ins Licht – „die deutschen Rotweine haben sich enorm entwickelt.“ Überhaupt seien, zur Freude der Genießer, die Weine überall in der weinanbauenden Welt besser geworden. Adorf, der seit 1965 in Rom lebt, erinnert sich, wie schlimm er damals etwa den italienischen Weißwein fand: „Der Frascati war genauso schrecklich wie Liebfrauenmilch!“ Deutsche Weißweine fand er schon immer gut. „Wenn ich in Deutschland bin, trauere ich ausländischen Weißweinen nicht nach.“

Beim Rotwein sieht es nach wie vor an-ders aus. Zuhause, persönlich, trinkt er italienische Weine. Wenn er in Frankreich ist, trinkt er Bordeaux oder die inzwischen ebenfalls besser gewordenen Languedoc-Gewächse. Die leichteren Weine aus Burgund, den Pinot Noir vor allem, schätzen er und die allermeisten seiner Freunde nicht sonderlich. „Wenn ich Gäste habe, kommt Bordeaux auf den Tisch.“ 

Mit dem deutschen Spätburgunder habe er persönlich Schwierigkeiten. Adorf prüft das Bukett des fränkischen Spätburgunders. Ja, da sei er wieder, der typische deutsche Spätburgunder-Geruch: „Ir-gendwie nach Nelken.“ Immerhin ist er mit Geschmack und Farbe zufrieden. „Früher waren die Spätburgunder alle hell und hatten einen eigenartig bräunlich-gelben Ton.“ 

Über die in Deutschland angebauten Rotwein-Sorten ist Adorf gut informiert. Der Dornfelder findet seinen Beifall ebenso wie der Lemberger. Im Saint Laurent, den er kürzlich auf einer Weinprobe in Dalsheim bei Worms kennen lernte, sieht er gar einen Zukunftsträger des deutschen Rotweins: „Der Wein schmeckte schon auffällig anders.“

Unsere kleine Garten-Weinprobe ist inzwischen bei den teueren Qualitäten aus der Pfalz und von der Ahr angelangt. Mario Adorf schaut, schnuppert, schmeckt und hat sein Aha-Erlebnis. Der 1999er Pfälzer: „Für einen Spätburgunder erstaunlich!“ Er kostet wieder und lässt erstmals an diesem Nachmittag nichts mehr im Glas. Nun der 2000er von der Ahr: „Oha!“ Die Miene des Genießers, den man nach eigenem Bekenntnis früher zu deutschen Rotweinen hätte schlagen müssen, wird andächtig. „Nicht aus Lokalpatriotismus, weil die Ahr nahe bei meiner Eifeler Heimat fließt: Aber der ist beste.“ Und der Note „sehr gut“ lässt des deutschen Rotweins prominentester Kritiker an diesem denkwürdigen Wormser Nachmittag sein größtes Kompliment folgen: Er greift die Flasche und schenkt sich nach. 

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