Laura Chavin Rauch & Geist

Die Zeit mit der Mini Belicoso von Terre de Mythe

Die Zeit! Sie ist das Gerechteste, denn sie schlägt für jeden gleich, ohne Ansehen von Geschlecht, Stand, Vermögen, Geist, Charakter. Die Zeit ist aber auch das Gnadenloseste, denn sie tickt unaufhörlich, pausenlos. Die große Weltenuhr bewegt sich mit unerschütterlichem Gleichmut, immerfort, ewig. Die Zeit kann man weder bestechen noch sie becircen, sie läßt sich durch nichts und niemanden beeinflussen. Auch eine feine Zigarre wie die Mini Belicoso der Serie Terre de Mythe hält das Uhrwerk nicht auf, aber während des Rauchgenusses läßt sie uns die Zeit aufs Schönste vergessen.

Schon das Anzünden macht Freude. Begierig zieht die Nase das erste Duftbukett ein, einen verheißungsvollen Mix aus Zedernholz und weißem Pfeffer, flankiert von einer herben Süße à la Bitterschokolade, Mokka und Tonkabohne. Der Zug ist leicht, die feinwürzige Präsenz verstärkt sich, die Aromen verbrennen auch nach einer halben Stunde nicht, sondern werden immer schmelzender, die Süße feiner und geheimnisvoller. Die Mini Belicoso, 110 Millimeter lang und 21 Millimeter rund, gefällt als Solitär, vielleicht in der Oper zwischen zwei Akten, aber es ist 17 Uhr und der Tag war erfolgreich, also geht man in den Weinkeller.

Ein edelsüßes Gewächs soll es sein, doch welches? Ein Port würde passenauch ein alter Madeira. Die Wahl fällt auf einen Sauternes, einen Yquem 1996. Das ist, gewonnen aus edelfaul geschrumpften Beeren, glorifizierter Nektar und das Nonplusultra von Sauternes, französisch korrekt Sauternais genannt, 40 Kilometer südöstlich von Bordeaux als Enklave im Graves-Gebiet gelegen. Goldgelb fließt der Wein ins Glas und verbreitet im Nu eine intensive Süße, einen reich nuancierten Duftstrauß aus Aprikosen, Orangenblüten, Vanille, etwas Kokos und viel Honig nebst Gewürzen. Der Wein gibt sich als flüssiger Bruder der Zigarre, beide sind vielschichtig gewoben, beide verfügen über Tiefe und Eleganz.

Die Zigarre verglimmt, silbrig ruht die Asche. Das Glas ist leer. Es keimt die süße Melancholie der Erfüllung. Carpe diem heißt es in den Oden von Horaz, was so viel heißt wie: genieße den Tag. Gewiß, Zigarre und edelsüßer Wein haben die Zeit nicht außer Kraft gesetzt, aber sie haben das tickende Absolute relativiert, das Strenge, das Unerbittliche der Zeit wenigstens für Momente aufgeweicht. Die Uhr war nicht mehr drohender Zeitmesser, sondern nur Accessoire.

von August F. Winkler

Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.