Die Angst eines Gates

Restaurantbesuche teilen sich hinsichtlich des Angstaufkommens in zwei Kategorien.

Ist man eingeladen, braucht man keine Angst zu haben, nicht einmal vor der Rechnung.

Lädt man ein, sieht die Sache schon anders aus.

Gewiss: Der lebenskluge Einlader wird ein Lokal wählen, das er kennt, dessen Küche, Keller, Service und Einrichtung untadelig sind und einen gelungenen Abend garantieren. Er muss allerdings befürchten, dass intelligente Eingeladene ihn für risikoscheu oder einfallslos halten, ihn als Gewohnheitsmenschen identifizieren oder gar, wenn es sich um ein Date handelt, als Womanizer verdächtigen: Wie viele mag er hier schon hergeschleppt haben? Und guckt der Kellner nicht genau so, als dächte er: Aha, die nächste?!

Also: Risiko. Kalkuliertes, versteht sich. Ein Lokal, über das man Gutes gehört und gelesen hat, in das man schon immer mal gehen wollte, das den (vermuteten) Ansprüchen der Eingeladenen genügt. Bei dem zumindest nicht damit zu rechnen ist, dass ein Tisch in Nähe der Toilettentür reserviert wurde, dass das Personal sich erst um die Mäntel kümmert, nachdem man sie über die Stuhllehne gehängt hat, und dass der Kellner, noch bevor man die Speisen gewählt hat, fragt, für welchen Wein aus der buchdicken Weinkarte man sich entschieden habe ‑ falls die Tischbeleuchtung eine lupen- resp. taschenlampenlose Kartenlektüre überhaupt möglich macht.

Doch auch unter diesen Voraussetzungen hat man weder einen angstfreien Abend noch die Eingeladene in der Tasche. Denn es lauern Fährnisse sonder Zahl:

Ist das Besteck von Robbe & Berking (ersatzweise Christofle) oder wird ihren Lilienfingern gestanztes Inoxblech zugemutet? Muss sie Pressglas an ihre Rosenlippen führen oder kann sie sich, wenn nicht an Riedel-Kristall, so doch an der Robert-Mondavi-Linie von Waterford Cristal delektieren? Und, o weh, das Geschirr ist weder von Wedgewood noch aus Sèvres - wird sie jetzt den Ober rufen und ein Taxi verlangen? Zumal die Tischdecken und Servietten nicht von Christian Fischbacher sind?

Unser Restaurant lässt indessen nicht nur diese Ängste gegenstandslos werden. Der „Gruß aus der Küche" bleibt nicht das Beste am ganzen Menü, der Sommelier doziert nicht über Terroir, Tannine und Mineralität, keinem Kellner muss man zweimal ein Zeichen geben, und das Outfit des Personals bleibt taktvoll hinter der Eleganz der Gäste zurück.

Nur eine gastronomische Angstquelle vermag auch das bestgeführte Lokal nicht zu stopfen:

die Besatzung des Nebentischs.

Besonders gefürchtet: betuchte Banausen, die übers Essen meckern und deren unangenehmes Organ keinen Lautstärkeregler besitzt. Niemanden interessiert, wo sie schon gegessen und welche Weine sie getrunken haben, keiner will wissen, dassWohlfahrt das Langostino-Tatar aber besser hinkriegt und Amador das Salzwiesenlamm, und mit der Information, dass der auf der Weinkarte fehlende 1998er Ornellaia hektoliterweise in ihrem Privatweinkeller liegt, können allenfalls Einbrecher etwas anfangen.

Da nimmt man denn Abstand, den Kellner auf die etwas zu warme Stopfleber hinzuweisen oder den Sommelier auf den zu sehr oxidierten Sauternes. Mit denen von nebenan über einen Leisten geschlagen zu werden, wäre so ziemlich das letzte, was man wollte. Aber statt von seinem Gegenüber mitfühlendes Einverständnis zu ernten, läuft man am Ende Gefahr, für feige gehalten zu werden.

Apropos: Es soll Gourmets geben, die nur noch aus einem Grund Essengehen: Um einmal zu erleben, dass ein Restaurant das zeigt, was seine Gäste brauchen, um es zu besuchen: Mut. Den Mut zum Beispiel, einem Meckerbanausen statt des Sorbets ein Glas Wasser zu bringen und es ihm mit der lapidaren Bemerkung über den Kopf zu gießen, das sei das „Tschüs aus der Küche".

von Bernd Fritz

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