Steffen T. Timm

Wahre Connaisseure

Hin und wieder gibt es Seltsames zu beobachten in den Stätten des Cigarrengenusses rund um den Globus. Gar befremdliche Eindrücke kann man dann gewinnen, bei dem was dort vor sich geht. Vor allem, wenn sich die Jüngerschar der havannophilen Gemeinde zum Verkosten frisch gerollter Ware vom karibischen Eiland versammelt. Zu kubanischen Rythmen kann man dann einen Blick über die Schulter der eigens importierten Torcedora, der Cigarrenrollerin, werfen und sich am frisch Gerollten laben – und das gerne reichlich. Denn wer in dieser Equipe als wahrer Aficionado gelten will, darf den Wettkampf männlichen Egos nicht scheuen: nur wer sich am frühen Vormittag bereits drei der frisch gerollten Pretiosen - wenn schon dann bitteschön Doppelrobusto -zwischen die Kiemen schiebt, hat einen Anspruch dazuzugehören. 

So löst sich der frische und starke Tabak in morgendlichen Rauch auf und nährt den Kreislauf der starken Kerle mit seinen Inhaltsstoffen. Dies schafft die solide Grundlage für weitere karibische Köstlichkeiten. Genuss will schließlich erarbeitet sein und man ist ja nicht zum Vergnügen hier. So fließt auch der obligatorische Cafe con Leche und der kubanische Rum in großzügigen Mengen und erheitert die Gemüter der vormittäglichen Runde.

Mangelt es an frisch Gerolltem greift der geneigte Aficionado zur Vervollkommnung des Genussmomentes aber auch gerne zum Instrument der Vielfältigkeit. So beginnt man in wirklich illustren Kreisen eigentlich erst ab vier hintereinander verkosteten Cigarren verschiedener Couleur zu zählen. Denn bekanntermaßen steigt der Genuss mit der Quantität der Verkostungsobjekte, von der sensorischen Urteilsfähigkeit ganz zu schweigen. Ganz ohne Zweifel - ähnlich wie beim Wein beginnt das Genusserlebnis ja auch erst mit der zweiten Flasche. Damit das Ganze aber nicht so trocken daherkommt, darf gerade beim Tasting Hochprozentiges nicht fehlen. Das hilft den Gaumen zu beleben und steigert die Aufnahmekapazitäten für folgende Cigarren. Wer jedoch bei der fünften Cigarre schlapp macht, dem mangelt es offensichtlich an Genusstalent.

Der innere Zirkel der Aficionados aber, der wahrhaft erlesenste Kreis aller, findet selbstverständlich noch sublimere Ausdrucksformen seines Verständnisses um das Kultur- und Genussgut. So wird hier und da in pompösen Spektakeln gefahndet, wer seine Asche am längsten an der Cigarre zu halten vermag. Hier entdeckt man verkrampfte Männergesichter, mit in den Nacken geworfenen Köpfen, die dem olympischen Gedanken in purer Selbstlosigkeit verpflichtet, ihre Cigarre so lange hegen, bis sich die heiße Asche über ihr schweißgebadetes Gesicht ergießt. Nur ein wirklicher Genussbanause mag hier an Groteskes denken, handelt es sich doch um ebenso sinnerfüllte und erhaltenswerte Veranstaltungen wie das Brenessel-Essen und den Blutwurstweitwurf.

Aber: chacun à son goût...

Ihr
Steffen T. Timm

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