Beirut Enthüllt

Es ist ein schwüler Samstag in Beirut im späten September und Dory Chamoun, ein beliebter Kommunalpolitiker, lächelt und hält mir einen Apfel hin. Chamoun erklärt gerade, warum die Äpfel aus seinem Obstgarten im Beka-Tal so gut schmecken; es liegt am vielen Regen und am Boden, erzählt er mir. Die Szene wäre nicht so sonderbar, wenn da nicht noch der stämmige Leibwächter im Kampfanzug wäre, der hinter ihm steht und alles scharf bewacht. Der runzlige Dory Chamoun ist Sohn des ehemaligen libanesischen Präsidenten Camille Chamoun und Führer der National Liberal Party im Libanon und eine beliebte Person in Beirut. Seine Familie jedoch hat eine politische Tragödie durchlebt: die Ermordung nicht nur seines Bruders, sondern auch seines jüngsten Sohnes. Das ist Beirut.

Ich bin in Souk el Tayeb, auf dem ersten Markt in Beirut für Biolebensmittel, der seit einem Jahrzehnt trotz ständig neuer Unruhen in Beirut jeden Samstag stattfindet. Als Maronit ist Chamoun gekommen, um Souk el Tayeb - das „Gottes Markt" bedeutet - zu unterstützen. Der Markt ist eine gemeinnützige Genossenschaft unter der Führung von Kamal Mouzawak. Souk el Tayeb integriert alle Gebiete, Religionen und Sekten Libanons. „Der Souk ist eine Gemeinschaftsarbeit, die sich aus dem politischen Aufruhr und der Zwangsherrschaft entwickelt hat", erzählt er mir.

Nach einem kräftigen Gewitter am Vormittag, ist es am Nachmittag sehr sonnig. Wir befinden uns am derzeitigen Standort des Marktes, einem Stückchen unbebautem Land mit Blick aufs Mittelmeer. Hinter uns breitet sich die überwältigende Skyline der Stadt aus - eine Hügellandschaft mit Wohnblöcken, die kaum sichtbar im Dunst sind, während schwere grau-blaue Wolken über die Stadt ziehen und allmählich in Richtung des Berges Libanon verschwinden, der in weiter Entfernung bläulich schimmert.

Mouzawak ist ein Erneuerer der Gesellschaft, der das Essen liebt und weiß, welche Kraft darin steckt, um Gemeinschaften zu vereinen. Der charmante Besitzer von Beiruts schönstem Restaurant ‚Tawlet', erzählt mir von seinen Lieblingserzeugnissen in dieser Saison - während wir Kibbeh aus Spinat und Granatapfel essen und mit dem frischesten Apfelsaft runterspülen, die ich je getrunken habe. "Die Grundidee bestand darin, die Politik nicht mit einzubeziehen, stattdessen den Bauern freie Hand zu geben und die Region zu unterstützen." sagt er. "Sie bringen ihre Erzeugnisse und Ihre Wertvorstellungen mit in die Stadt, und das für jeden."

Wir schlendern durch den Markt, vorbei an Buden, die vor Angeboten des Altweibersommers überquellen: Minze, Oliven und Äpfel sowie libanesisches Gebäck und Konfitüren. Nur mit großer Mühe können wir den Einladungen der ungefähr 50 Bauern, die heute aus allen Teilen Libanons gekommen sind und uns alle möglichen Kostproben anbieten, widerstehen. Souk el Tayeb kommt mir vor - wie eine große Familie. Jeder kennt hier jeden. Seit 2001 ist aus dem Markt eine Art Lebensmittelbewegung geworden, die ihren Gründer durchaus berühmt gemacht hat. In Souk el Tayeb ist es gelungen, die einst geteilten Gemeinden zusammenzubringen, dabei kleine Bauern und Erzeuger zu unterstützen und die Vermarktung gesunder, umweltfreundlicher Lebensmittel zu fördern.

Es ist schwer vorstellbar, dass das Land auf dem wir jetzt stehen, vor 25 Jahren eine Tötungszone für Scharfschützen war. Dieses Gebiet war damals die sogenannte ‚Grüne Linie' - eine Art Niemandsland zwischen dem christlichen Ostteil und dem moslemischen Westteil der Stadt. Genannt wurde es so wegen der ausgebombten Gebäude, die der Natur überlassen wurden. Hier kämpften Milizen aller Couleur, von den christlichen Falangisten bis zur schiitischen Hisbollah, um die Kontrolle der Stadt. Beide Seiten wurden in dem Konflikt durch Länder aus der ganzen Welt unterstützt, die um die Vorherrschaft in der Region strebten. Während des Bürgerkriegs im Libanon von 1975 bis 1991 starben fast 200.000 Zivilisten. Damals war Beirut ein regelrechter Schmelztiegel für die Konflikte im Nahen Osten. Auch wenn derzeit die Waffen ruhen, die Zukunft ist ungewiss, denn in der Region bricht eine neue Zeit  der Instabilität an. Zwei Stunden östlich von Beirut liegt die syrische Hauptstadt Damaskus, wo das Assad-Regime in einem gewalttätigen bürgerkriegsähnlichen Kampf verwickelt ist. Libanon war immer Spiegelbild der Geschichte in dieser Region, immer unmittelbar mit einbezogen in die Konflikte der Nachbarländer. Dennoch lässt sich Beirut davon nicht unterkriegen.

Beirut Central District erstreckt sich vom Märtyrerplatz runter zum Hafen von St. George bis zum Anfang des Badestrandes. Verwaltet wird das Areal von der Entwicklungsgesellschaft Solidere, die dort eine Menge schicker Luxusappartements und Hotels gebaut hat. Im letzten Jahr kam noch das Four Seasons dazu. Derzeit arbeiten die zwei Architekten und Pritzker-Preisträger Norman Foster und Jean Novel an zwei weiteren Gebäuden, die nur einen Steinwurf voneinander entfernt sind. In Beirut Souks, das 2009 fertiggestellt wurde, kann man alles finden, von Camper Schuhen bis zur Unterwäsche von Agent Provocateur. Die berühmten alten Souks von Beirut, al Tawileh und al Jamil, wurden während des Bürgerkriegs dem Erdboden gleichgemacht.

Beirut ist nach wie vor der Ort für Partys im Nahen Osten. Im Zentrum der Stadt sieht man kaum Leute, die zu Fuß unterwegs sind. Die meisten nehmen ein Mercedes-Taxi und die Gutbetuchten fahren in ihren Maseratis und Porsches durch die Gegend. Samstagabend stehen in der Rue Gouraud im angesagten Stadtbezirk Gemmayze, mehr Luxuskarossen Stoßstange an Stoßstange, als sonst wo auf der Welt. Central Beirut blinkt und glitzert nur vor teurem Schmuck, gleichzeitig fahren gepanzerte Militärfahrzeuge dröhnend um den Märtyrerplatz. Das alles kann man sehen, wenn man von der exklusiven Sky Bar am Platz herunterschaut. Stellen Sie sich Monaco voller Kalaschnikows vor und Sie kriegen einen Eindruck vom Zentrum Beiruts.

Ausländische Studenten tummeln sich wieder in den Cafés rund um den grünen weitläufigen Campus der American University of Beirut (AUB). Und in Beiruts Privatkliniken in den wohlhabenden Bezirken Clemenceau und Verdun boomt das Geschäft mit Herzchirurgie und  Fettabsaugung.

Auf dem Märtyrerplatz steht auch das beste Hotel der Stadt, das Le Gray. Der besten Platz, um das Geschehen in Beirut zu verfolgen. Der Märtyrerplatz ist gleichzeitig das Epizentrum des Landes, wo die Ausbrüche und Widersprüche am deutlichsten zu spüren sind. Ins Le Gray kommen die Reichen der Stadt und gutbetuchte Reisende zum Essen oder Übernachten. Das hoteleigene Gordon's Cafe ist bestens geeignet, um das Treiben der Stadt und gleichzeitig deren Instabilität zu beobachten. „Die Panzer kurven um den Platz wie Autoscooter", sagt Gordon Campbell Gray, der freundlich-dynamische schottische Besitzer des Nobelhotels. „Aber das bringt mich nicht aus der Ruhe. Ich habe mehr Angst vor Verkehrspolizisten." Campbell Gray führt mich im Hotel herum und auf der Baustelle für den neuen Hotelflügel. Im Frühjahr 2012 zieht dort eine Nobu-Filiale ein. In ein paar Wochen will Gray zur Frieze Art Fair fahren, um für seine Kunstsammlung neue Bilder zu kaufen, die schon zu Hunderten an den Wänden des Hotels zu bewundern sind.

Neben dem Hotel befindet sich das schwerbewachte Mausoleum des früheren Präsidenten Rafik Harriri, der 2005 ermordet wurde. Viele vermuteten, dass der syrische Geheimdienst Mukhabarat hinter dem Attentat steckte. Syrien war lange darauf bedacht, gegenüber dem Erzfeind Israel seine Interessen im Libanon durchzusetzen. Dort hatte Syrien zehntausende Truppen stationiert, bis sie durch die populäre libanesische Cedar-Revolution, die durch den Mord an Harriri ausgelöst wurde, aus dem Land vertrieben wurden. Jetzt, wo das syrische Regime schwächelt, ist Beirut zu einem Rückzugsort für wohlhabende mittelständische Syrier geworden, die über die Grenze in das Beka Tal und via Damascus Road nach Beirut fliehen. Im letzten Monat versiegte der Strom von Syriern, nachdem die syrische Armee das bergige Grenzgebiet zum Libanon abgeriegelt hat. Außerdem sind viele abgeschreckt, weil es eine Reihe von Entführungen entlang der unfruchtbaren Grenzstraßen gegeben hat.

Die Reichen sind zweifellos reicher geworden, aber die Finanzkrise und politische Instabilität - eine Folge des Krieges gegen Israel im Jahr 2006, der 1200 Libanesen das Leben kostete - führte dennoch zu einer Verschlechterung der finanziellen Verhältnissen des Mittelstandes durch das Ausbleiben ausländischer Investitionsprojekte. Veränderungen werden nicht von jedem begrüßt. In Stadtteilen wie Ashrafieh, einem sehr alten, unter Künstlern beliebten, christlichen Bezirk, wo sich Galerie an Galerie reiht und nur ein paar Schritte - über die St. Nicholas Treppe - von Gemmayze entfernt, werden reihenweise alte Häuser abgerissen. Eine dramatische Umgestaltung des Bezirks. Unten am Strand hängt ein riesiges Banner wie ein Verkehrsschild mit der Schlagzeile: „STOP SOLIDERE".

Wer von Süden aus nach Beirut fährt, kommt durch das palästinensische Flüchtlingslager von Sabra und Chatila, Ort des furchtbaren Massakers an Flüchtlingen durch Falangisten im Jahr 1982. Das Lager bleibt No Go Area für Besucher aus dem Westen. Und die Palästinenser sind immer noch ein staatenloses Volk, verarmt und ohne Wahlrecht im Libanon. Als der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas hier zu Besuch war, erklärte er den Wunsch seiner Nation nach internationaler Anerkennung als Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen, ein Wunsch, der von großen Teilen der libanesischen Gesellschaft unterstützt wurde.

Östlich von Beirut Richtung Syrien liegt das umwerfend schöne Beka Tal und die alte Stadt Baalbeck. Die Fahrt nach Baalbeck, vorbei an kleinen Farmen und Weinbergen voller praller,  sonnengereifter Trauben und runter vom Berg Libanon in die Beka Ebene, ist eine Reise, die die Widersprüche, den Mikrokosmos und die besondere Vielfalt der libanesischen Gesellschaft widerspiegelt, von Drusen bis zu Sunniten. Jede Stadt auf dem Weg, von Zahlé bis Baalbeck, repräsentiert eine andere Gemeinschaft - ob christlich, schiitisch oder armenisch orthodox, wie in der Stadt Anjar weiter im Osten. Baalbeck ist berühmt für seine  großartigen Ruinen von Heliopolis, die Stadt der Sonne, die von Alexander dem Großen 334 n. Chr. gegründet wurde. Ein verschlafenes Städtchen mit einem entzückendem Hotel, dem Palmyra, in dem schon Kaiser Wilhelm II und Jean Cocteau übernachtet haben. Heute wird das Städtchen von der Hisbollah regiert.

Nach dem Besuch des Samstagsmarktes im Souk el Tayeb gibt es in Mouzawaks Restaurant ‚Tawlet' in Mar Mikael ein leckeres Mittagessen. Täglich zaubert ein anderer Koch aus einem anderen Gebiet köstliche Regionalteller mit Zutaten vom Markt. In Tawlet sieht man den ganzen Libanon auf einem Teller. "Sie können die Geschichte eines Landes an seinem Essen erkennen", erzählt Mouzawak. Wir sitzen auf Holzbänken in dem luftig-hellen, ausgesprochen modernen Restaurant. Hinter uns arbeiten die Köche und vor uns steht eine mit Köstlichkeiten vollbeladene Theke: Reis mit Hühnchen und Kichererbsen, knackige Salate mit Kräutern und in Joghurt geschmortes Lamm. Mouzawak erzählt mir von Cherie Blairs Besuch: Sie war erst letzte Woche in der Stadt und hier im Tawlet.

Später, nach dem Mittagessen wird zum libanesischen Milchkaffee auch Ahweh Bayda gereicht - Orangenblüten in heißem Wasser, wie immer nach dem Essen. Dabei sinniert der tadellos gekleidete Campbell Gray über Libanons unglaubliche Fähigkeit, Krisen zu überwinden. "Ich liebe jede einzelne Minute, die ich hier bin", sagt er. "Beirut ist kein neuer Anziehungspunkt; es ist die Wiedergeburt eines alten. Das Wichtigste am Libanon sind seine Menschen", schwärmt er. „Sie sind erstaunlich und sie stehen immer wieder auf. Ich liebe sie. Ich liebe ihren Geist."

von Christopher Kanal

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